GrenzPerspektive: Winternothilfe 1946 - 49

Winternothilfe 1946 bis 1949 der Gemeinden des Bezirks Laufenburg AG für die badische Nachbarschaft

Franz Schwendemann am 17. Januar 2017 in Laufenburg (D)

Ein Jahr nach Kriegsende, im Sommer 1946, sprang der von der französischen Besatzungsmacht eingesetzte Laufenburger Bürgermeister, Rudolf Zachmann, über seinen eigenen Schatten und informierte seinen Kollegen Brennenstuhl in Laufen-burg AG über die Not der Kinder im badischen Laufenburg. Er schloss die Bitte an,

ob sich nicht auf Schweizer Seite der Gemeinderat oder eine Schweizer Hilfsorga-nisation  zur dringend erforderlichen Unterstützung über den Rhein hinweg bereit-finden würde.

Die Bitte fiel ,vor genau 70 Jahren, bei den Gemeinden des Bezirks Laufenburg, Etzgen, Gansingen, Hottwil, Ittenthal, Kaisten, Mettau, Oberhofen, Schwaderloch, Sulz, Wil und im Bezirkshauptort Laufenburg auf fruchtbaren Boden.

Vom Schweizer Roten Kreuz, von den Kirchen und von der lokalen Presse waren die Unterernährung, die Unterentwicklung und die Wurmverseuchung der Kinder auf der deutschen Seite bereits im Aargau bekannt gemacht worden.

Stadtammann Brennenstuhl, der Arzt Dr. Heer, Direktor Hirt und Bezirksamtmann Stäuble baten  altKWL-Direktor Dr.Roesle  zusammen mit weiteren Persönlichkeiten des Bezirks Laufenburg, ein Aktionskomitee zur „Winterhilfe 1946/47 für die Kinder in den badischen Nachbargemeinden“ ins Leben zu rufen.

Dieses aufrüttelnde Schreiben der Organisationsmitglieder, das im Bezirk Laufenburg an alle Haushalte verteilt wurde, fand schon mehrfach Eingang in deutsche Literatur über die Nachkriegszeit.

 

Lassen Sie mich die eindringlichsten Passagen zitieren:

„Der Winter steht vor der Türe. In der Landwirtschaft ist der Herbstet vorbei, die Keller und Vorratsräume sind gefüllt, die Überschüsse an die Konsumenten abgeliefert. Diese sind gut eingedeckt. Es herrscht, wenn es auch in kinderrei-chen Familien knapp zugeht, doch keine Not.

Not, große Not aber herrscht in Deutschland. Von ihr ist ganz erschreckend die Jugend betroffen. Aus unseren Nachbargemeinden Murg, Laufenburg und Alb-bruck liegen ärztliche Berichte vor, dass 70 bis 80% der Schuljugend unterer-nährt und unterentwickelt sind.

Noch größer ist die Zahl der Kropfkranken und der Wurmverseuchten.

Bittgesuche um Hilfe kommen herüber und, weil es um Kinder geht, kann ein Rückblick auf unfreundliche Zeiten, ein Rechten und Richten nicht in Frage kommen.

Die Kinder sind unschuldig. Es ist primitivste Christenpflicht, ihnen zu helfen."

Die vorgesehene Hilfe besteht in einer Suppenaktion, den vielen hundert unter-ernährten Kindern soll vom Dezember bis April täglich eine nahrhafte Suppe verabreicht werden.                                           

Dazu braucht es viele Lebensmittel und auch Geldmittel, die durch Sammlung in unseren Gemeinden aufgebracht werden sollen.                              

Als Nahrungsmittel kommen vorweg in Betracht: Kartoffeln, Ruebli, sodann andere Suppeneinlagen wie Sellerie, Lauch, Kohl, Bohnen, Erbsen, Zwiebeln usw. und Fett.

Die Organisation ist im Gange.

Die Schweizer Kolonien in den betreffenden Gemeinden werden mithelfen, damit die Spender die Versicherung haben, dass der Zweck erreicht wird, und dass die Spende restlos den Kindern zugutekommt.

Wir appellieren hiermit an die Gesamtbevölkerung um tatkräftige Unterstützung. Wenn die Sammler kommen, so denken sie an nichts anderes als an die unschuldigen Kinder und schauen sie ihre gutgenährten, gesunden, eigenen Kinder an.

Danken Sie mit einer Gabe, dass unsere Kinder von einer solchen großen Not verschont geblieben sind.

Für alle Gaben sprechen wir schon jetzt unseren besten Dank aus.

Die heutigen Vorsteher von Laufenburg (Baden) bürgen dafür, dass unsere Spenden nicht an Unwürdige gelangen.

Im Rathaus muss präzise Buch geführt werden über die eintreffenden Liebesgaben.“

 

Mit dem Jahreswechsel 1946/47 begannen die Hilfslieferungen mit Gemüse und Obst.

Das Essen wurde in der Hauswirtschaftsschule der Hans-Thoma-Schule unter Anleitung von Fräulein von Louisenthal und ihren Schülerinnen zubereitet. Die Essensausgabe lag in Händen des Deutschen Roten Kreuzes mit Fräulein Liselotte Hardenberg als Chefin. Jedes Kind hatte ein Kochgeschirr und Besteck mitzubrin-gen.

Am  30. Januar 1947  wurden 75 kg Fett für die Suppenküchen Murg, Laufenburg und Albbruck angeliefert.

Im  Februar 1947  kamen weitere 43,5 kg Fett zur Verteilung.

Am  28. Februar 1947  wurde Luttingen vom Gemeinderat Laufenburg gestattet, vier Mal pro Woche um 16.00 Uhr,  50 Liter Suppe  aus der Schülerspeisung abzuholen.

Immer zwei Schüler der Luttinger Oberklasse mit Leiterwägele durften täglich die 50 Liter Suppe in Empfang nehmen. Sie hatten noch zusätzlich eine Schachtel dabei für die seltenen Tage, wenn es  50-Gramm-Täfele  Schweizer Schoggi gab.

Im  März 1947  bedankte sich Laufenburgs Hebamme, Frau Stadler, für Kompressen und Watte aus dem Aargau.

Ebenfalls im März bedankte sich Dr. med. Liehr beim Schweizer Hilfswerk für Mull-kompressen, Binden und Watte und das Laufenburger Schwesternhaus dankte für Watte, Kompressen und Binden.

Frau Luise Rudigier, eine Laufenburger Mutter von neun Kindern, schickte über  Bürgermeister Eggemann ein Dankschreiben, verbunden mit einer kolorierten Zeich-nung, die ihr Sohn Franz, heute pensionierter Zahnarzt in Albbruck, gemalt hatte, an das Rathaus Laufenburg AG.

 

Statistik 1947   1.Quartal

Aufteilung der Zutaten an vier Tagen der Woche:

  • heiße Rüblisuppe                  
  • heiße Gemüsesuppe, manches Mal mit Teigwaren
  • heiße Bohnenmehlsuppe      
  • heiße Kartoffelsuppe

Für jeden Schüler war ein halber Liter Suppe vorgesehen.

Ein Laufenburger Zeitzeuge, der heute in Hüfingen als pensionierter Realschullehrer lebt, berichtet, dass bei der Erinnerung an die Schülerspeisung immer die Keller-räume der Hans-Thoma-Schule vor seinem geistigen Auge auftauchen, und der Geruch von leicht „angehocktem“ Grießbrei mit Dörrzwetschgen durch seine Nase ziehen würde.

Die Kinder von Landwirten, den sogenannten Selbstversorgern, waren von der Schülerspeisung ausgenommen.                                                    

Stadtpfarrer Heimgartner eimgartnerund Schulleiter Weiß legten fest, dass die Schülerspeisung mit einem Dankgebet beginnt. Das Essen endete ebenfalls mit einem Dankgebet.

Am  22. Februar 1947   Erweiterung der Spenden der  „Hilfsorganisation für die badischen Nachbargemeinden“:

Auf Empfehlung der Laufenburger Ärzte und der Hebamme erhielten werdende und stillende Mütter Ovomaltine und Kondenzmilch, Kinderwäsche, Socken, Gamaschen und Handschuhe.

Für alle Schüler kamen Sanitätsmaterial, gebrauchte Kleider, Tassen und Teller sowie Stoffreste zur Verteilung.

Handschriftlich schlug der Laufenburger Ortsverein der SPD  -ohne Datum-  sechs Laufenburger Frauen vor, die so geschwächt seien, dass sie bei der Schülerspeisung mitessen sollten. Als Gegenleistung bot der  1.Vorsitzende Makiola  zwei Rhinaer Frauen an, die dafür beim Kochen mithelfen könnten.

Im  April 1947  kamen weitere 90 kg Fett aus der Schweiz in die Laufenburger Schulküche.

Im  Juni 1947  meldete die Stadt Laufenburg an das Rathaus Laufenburg AG

350 Kinder und 50 Erwachsene, die an der Schülerspeisung teilnahmen. Kranken Kindern würde das Essen gebracht.

Mitte Juni schrieb Bürgermeister Ulrich Eggemann, der einem Gerücht aufgesessen war,  seinem Gemeinderat, dass sich die Schweizer Helfergemeinden wegen der Missernte 1947 nicht mehr in der Lage sehen würden, die Suppenküche im Winter wieder zu öffnen. Er täuschte sich.

Am  25. Juni 1947  lud Bürgermeister Eggemann zur Abschlussfeier der Schüler-speisung ins Schulhaus mit vielen Schweizer Gästen aus allen Gebergemeinden.                            

Nach Dankreden von Bürgermeister, Stadtpfarrer und Schulleiter trugen Kinder Gedichte vor und der Schulchor sang.

Bei diesem Anlass gab Stadtammann Brennenstuhl die Zusage, dass auch im nächsten Winter 1947/48 geholfen werden soll.

Auf ärztliche Weisung wurden 200 von der Firma Wander und 100 von der Schweizer Nachbarschaftshilfe geschenkte Büchsen mit  OVO  in der Schule verteilt.

Von den Lehrern wurden an alle Kinder Kleider aus der Schweiz verteilt.                                        

Die Lebensmittel wurden mit einem LKW der Firma Perlini, Etzgen, nach Laufenburg transportiert.

Perlini spendete im Frühjahr 1947 im Rahmen der Winternothilfe selbst 13.000 kg  Wirtschaftsobst, das in der Hauswirtschaftsschule Laufenburg zu Apfelmus verarbeitet wurde.

Jedes Kind in Laufenburg, Murg  und Albbruck erhielt  eine Portion  à 7dl.

 

Die von den Gebergemeinden gewünschte und vom Staatlichen Gesundheitsamt in Säckingen angeordnete schulärztliche Untersuchung durch die Ärzte  Dr. Liehr und Dr. Vökt  erbrachte Anfang 1948  für Laufenburg  folgendes Ergebnis:

  • 40-75% der Volksschüler haben nicht die dem Alter entsprechende Durchschnittsgröße.
  • 62-80%  der Volksschüler haben nicht das dem Alter entsprechende Durchschnitts-gewicht.

19. Februar 1948 Sehnlich erwartet, meldete das Rathaus Laufenburg AG, dass die nächste Hilfsaktion wieder zustande gekommen sei. Sie würde ausgeweitet und soll am 9. März 1948 beginnen.

Kinder zwischen   4  und 14 Jahren  erhalten  vier Mal pro Woche, zwischen 10 und 11 Uhr vormittags Suppe. Im Essen, das von den Schweizer Gemeinden geliefert wurde, war das  Wurmmittel Cevosan.

Dr. Liehr, als Hausarzt in Laufenburg tätig, setzte durch, dass nur die Kinder, die er zur Entwurmung empfohlen hatte, mit diesem Mittel in der Suppe behandelt wurden. Drei Wochen später fand eine Wiederholungskur bei 80% der Kinder statt.

Jedem Kind wurden nach der Wurmkur drei Kilogramm Kartoffeln und rote Rüben aus dem Aargau mit  nach Hause gegeben.

Im Herbst 1948  kommt aus der Schweiz eine hochwillkommene Lieferung von  300 Glühbirnen und  12 kg Schuhmacherstifte  für die Laufenburger Haushalte.

Oktober 1948  Über das Landratsamt Säckingen erfuhr das Rathaus Laufenburg vom Badischen Ministerium für Kultus und Unterricht, dass Schüler und Studenten in Baden  ab 1949  von der amerikanischen Militärregierung unentgeltlich Lebensmittel für die Schülerspeisung erhalten werden.

Damit endete die  erste Hilfe  der Schweizer Gemeinden nach  drei  harten Wintern.

Es dauerte noch 5 Monate bis die Hilfe aus Amerika anlief.

Doch die Spenden aus dem Fricktal liefen weiter: Ende 1948  gab die  Bonneterie AG in Laufenburg/Schweiz  60 Paar Socken „ für arme Kinder“ im Rathaus ab.

Ebenfalls als Weihnachtsspende kamen von der  Firma Buser & Keiser & Cie. in Laufenburg   Wäschestücke  und  Strickstücke  zur  Selbstkonfektion  über den Rhein.

Ende 1948  wurde die Schülerspeisung auf Flüchtlingskinder ausgedehnt.

12. März 1949 Auf einen Bettelbrief von Bürgermeister Wasmer, Laufenburg an die „Hilfsorganisation für die badischen Nachbargemeinden“ wegen der Vielzahl der zugewiesenen Flüchtlinge aus dem Osten Deutschlands, reagiert das Komitee zuerst sehr zurückhaltend. Man ist auf Schweizer Seite bereit, zu Ostern 1949  50 Paar Kindersocken zu spenden für Flüchtlingskinder und für bedürftige Einheimische.

Doch die Spendergemeinden im Bezirk Laufenburg zeigten sich auch dieses Mal großzügig für Kinder von Kriegsflüchtlingen und von Nachbarn.

 

Auf einem LKW kamen:

  •   15 Harassen  Kleider und Wäsche für Erwachsene und Kinder
  • 2 Harassen  Schuhe
  •   2 Betten
  • 1 Sprungfedermatratze
  • 1 Nähmaschine und
  •   1 Kinderwagen nach Laufenburg

Am  4. Mai 1949  teilte das Landratsamt Säckingen mit, dass am  16. Mai  die unentgeltliche Schülerspeisung der amerikanischen Militärregierung, die sog. Hoover-Speisung, beginnen wird.

Es ist  notwendig, über die großzügige, nicht selbstverständliche, Hilfe und Unter-stützung hinaus, die treibenden Kräfte der mehrjährigen Aktion  aufleuchten zu lassen:

Es sind alle Gemeindeammänner des Bezirks Laufenburg unter Führung von Stadt-ammann Brennenstuhl,  die die Schülerspeisung vor 70 Jahren  in Bewegung setzten.

Es war die  Gemeinde Sulz,  die nach dem Krieg, als Dank an den ehemaligen Laufenburger Stadtpfarrer Wickenhauser, der  häufig in Sulz im kirchlichen Dienst ausgeholfen hatte, dafür sorgte,daß für jedes Kind der Laufenburger Pfarrgemeinde während der Laufzeit der Schülerspeisung täglich kostenlos ein Glas Milch, durch Milchmann Blum, geliefert wurde.

Es war die  Sozialbetreuerin des KWL, Frau Imlig, die als Sekretärin täglich Zugang zur Direktionsetage hatte, und dies zum Spendenbetteln aus vollem Herzen ausnutzte. Sie lag Direktor Professor Dr. Albrecht in den Ohren und erkämpfte großzügige Kleider- und Schuhspenden, ja sogar eine Kiste Orangen, die  Kaufmann Perlini völlig überraschend im Kindergarten Mariagrün abliefern musste.

Den Kleinen musste von der Gengenbacher Kinderschwester erst beigebracht werden, dass es sich nicht um Bälle, sondern um herrliches, wohlschmeckendes Obst handelte, das bis dahin kein Kind kannte.

Auf deutscher Seite sticht ein Name hervor:

Fräulein Liselotte Hardenberg, die Leiterin des DRK,  die ihr Organisationstalent ausspielen konnte und einen reibungslosen Empfang der Liebesgaben, die Lage-rung, die Bestellung der Küchenmannschaft sowie die Verhandlungen mit der Lau-fenburger Volksschule um Speiseplan, Esstermine und Essgeschirr bewerkstelligte. Sie führte die Verhandlungen mit den örtlichen Ärzten zur Vorbereitung der Reihen-untersuchungen der Kinder, und sie entwarf und führte die Empfänger-Listen für die Schweizer Geber.

Viele haben geholfen.

Viele Details sind in 70 Jahren leider in Vergessenheit geraten.

Mein Beitrag soll erinnern, mit einem herzlichen Dankeschön hinüber über den Rhein, denn es war eine mehr als großzügige Hilfsaktion unserer Schweizer Nachbarn in den drei harten Nachkriegswintern. Bei der Vorbereitung meines Referats wurde ich umfassend mit Akten unterstützt von Laufenburgs Stadtarchivar Martin Blümcke und mündlich von  Altratschreiber Konrad Lüthy von Murg.

Viele Laufenburger, Luttinger, Rhinaer  und  Murger  Zeitzeugen konnte ich inter-viewen. Auch dafür möchte ich Dankeschön sagen.

 

 

 

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